Über Misserfolge reden

von  Gerhard Winkler

Manche reden ständig über ihre Flops. Andere reden am liebsten über die Misserfolge anderer. Und einige werden geradezu wütend, wenn man sie auf Fehlschläge und Missgeschicke anspricht.


Machen wir uns nichts vor: zum eigenen Verhalten eine klare Außensicht einnehmen, offene und ehrliche Worte für das finden, was man selbst (mit) ausgelöst, angerichtet, verfehlt oder verdorben hat, das gilt im Berufsleben wie im Alltag als ein sozial hoch erwünschtes Verhalten. Zugegeben, in Cowboy-Zeiten hätte einen dafür der ganze Saloon verachtet. Auch heute gilt es noch in Banker- und anderen Kreisen als irgendwie krank. Der code of conduct unserer aufgeklärten und übertrainierten Arbeitswelt zielt bekanntlich auf Verantwortlichkeit, Verhaltensmodifikation und ständige Verbesserung. Wir werden dazu angehalten, unser eigenes Handeln oder das unseres Teams kontinuierlich zu reflektieren, Fehlentwicklungen offen anzusprechen und uns auch selbstkritisch zu äußern.

„Wir sollten uns eingestehen, der Fehler steckte schon in der Versuchsanordnung.“
„Ich konnte ihn nicht dazu bringen, dass er in das Projekt investiert.“
„Ich habe mein Bestes gegeben, aber es hat nicht zum Bestehen der Prüfung gereicht.“
„Ich habe mich komplett verschätzt, was die Kosten angeht.“
„Ich habe mich um das Stipendium bemüht, wurde aber nicht ausgewählt.“

Rekrutierer fragen im Interview gezielt nach Defiziten und Schwächen, nach Niederlagen sowie nach den großen und kleinen Dingen im Leben der Kandidaten, die nicht so gut gelaufen sind. Sie bohren dazu im Lebenslauf, graben in den Zeugnissen nach, recherchieren im Web und rufen bisweilen sogar bei allen möglichen Auskunftgebern an. Das alles ist nicht persönlich gemeint. Rekrutierer leisten einfach nur ihre Verstehensarbeit. Untauglichkeit versteht sich ebenso wie Befähigung nicht von selbst.

Und deshalb kommen im Jobinterview auch solche Fragen: Wofür haben Sie in letzter Zeit Kritik einstecken müssen? Erinnern Sie sich an einen Tag, an dem es schlecht gelaufen ist? Welche Niederlagen haben Sie in Ihrer Zeit bei … erlebt? Berichten Sie doch von einem Ereignis, wo Sie Ihrem eigenen Anspruch an sich selbst nicht genügen konnten? Ihre studentische Geschäftsgründung ist also gescheitert, wie kam es dazu?

Konflikte entstehen dann häufig dort, wo eine fortgeschrittene Kommunikationskultur auf jenen starken Typ trifft, der seine Stahlkante für seine öffentlichkeitswirksame Seite hält. Im Vorstellungsgespräch treffen dann verstockte Schweiger auf interkulturell geschulte Jungrekrutierer. Die wollen nur reden, beruhigt man sich am Anfang. Die wollen, dass ich rede, registriert man etwas später verblüfft. Shit happens. Aber wieso trete ich ihn jetzt auch noch breit?

Zugleich steckt in uns allen die Befürchtung, dass man das nächste Desaster geradezu heraufbeschwört, wenn man die Möglichkeit eines Misserfolgs auch nur andeutet. (Was heißt andeuten? Vor dem Golfschwung, vor der entscheidenden Sitzung, vor der Vertragsunterzeichnung darf man an ein Scheitern nicht einmal denken!)

Selbstkritik als ein Mittel zum Selbstschutz schreibt man zudem gern den Schwächlingen zu. Wer etwas schlechtredet, der wertet sich selbst ab. Und wer sich selbst schlecht redet, der schwärzt seine Umgebung mit an. Jede größere Organisation nährt ihre Nörgler, Schwarzmaler und ewigen Büßer.

Wie laviert man durch die Untiefen der biographischen Selbstdeutung, ohne dass man im Treibsand der Lebensfatalitäten steckenbleibt? Dazu einige Statements meiner Ratgeber:

„Jeder hat Schwächen und erleidet Rückschläge, also macht es einen selbst viel menschlicher, wenn man gelernt hat, auch zu eigenen Misserfolgen zu stehen.“
„Ihre ehrliche und angemessene Selbsteinschätzung ist ein Indiz dafür, wie gut Sie sich in eine Arbeitsgruppe oder Jobumgebung integrieren können.“
„Geben Sie Misserfolge und Schwächen vor allem dann zu, wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Gesprächspartner Offenheit verlangt.“
„Die Devise lautet: Jeder macht mal einen Fehler. Man muss daraus lernen und vermeiden, den gleichen Fehltritt mehrmals zu machen.“

Ihre Gesprächsstrategie bei der Jobverhandlung oder im Assessment Center ist eine Sache. Wichtig ist ebenso Ihr entspanntes Verhältnis zur eigenen Biographie.

  • Sie finden nicht oder nicht so gut einen Job (und Sie verpassen Ihr eigenes Leben), wenn Sie Ihre gesamte Geschichte nicht kennen und in ihrer Gesamtheit annehmen.
  • Sie werden im Bewerbungsprozess stolpern oder ganz scheitern, solange Sie nicht jede einzelne Ihrer Lebensstationen versprachlichen können.
  • Sie überzeugen nicht oder nur mühsam, wenn Sie in der Darstellung Ihres Werdegangs selbst keinen inneren Zusammenhang und keine innere Folgerichtigkeit finden.
  • Sie kommen aus Ihrem Schwung, wenn Sie den Gesamtablauf zergliedern und gewiss knifflige Einzelfragen überbewerten – oh, sorry, jetzt bin ich beim Golfen. Zurück zur beruflichen Selbstvermarktung: Alle Fragen nach Stärken, Schwächen, Erfolgen, Flops, selbst nach der sehr schlechten Note in Mathe im letzten Schulzeugnis sind für Sie willkommene Anlässe, um anhand ausgewählter Episoden Ihre Story aufzubauen. Aus dieser Geschichte leiten Sie dann Ihren Jobclaim ab.

Erfolge? Misserfolge? Personaler sind nur Stichwortgeber. Sie selbst führen durch Ihre Geschichte. Und kein früheres Missgeschick kann Ihren Jobanspruch schwächen!

Nicht alles, was für einen Flops aufspürenden Personaler nach Misserfolg aussieht, war tatsächlich einer. Doch da. Wo es nichts zu deuteln gibt, schreiben Sie Ihre Geschichte auch nicht um. Haben Sie die Anlässe und Gründe für Ihre Misserfolge analysiert? Herausgefunden, woran genau Sie scheiterten? Was haben Sie daraus gelernt? Haben Sie Versagen akzeptiert und als Chance zum Verbessern erkannt? Haben Sie Ihre Schwachpunkte herauspräpariert? Nach und nach abgestellt? Wie genau? Wie sind Sie mit Ihren Misserfolgen produktiv umgegangen? Wie denken, wie reden Sie heute darüber? Wie geben Sie Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse weiter?

Misserfolge können so schön sein, vor allem dann, wenn man sie offensichtlich überlebt hat. Einer Deutschklasse eine LP mit Brecht-Songs vorspielen, darauf insistieren, dass die Platte mit 45 Umdrehungen laufen muss, bis sich endlich ein Elftklässler erbarmt, aufsteht und wortlos auf 33 umschaltet: Das gelingt nicht jedem. Dafür muss man schon ein ganzes Referendariat machen.

So wird das Reden über Misserfolge zum Erfolg:

  • Gehen Sie immer ernsthaft auf den Interviewer und sein Interesse ein und denken Sie nicht nur daran, wie Sie sich selber gut darstellen.
  • Holen Sie Ihre Beispiele nie aus der Bewerbungs- oder Managementliteratur, sondern aus Ihrer Vita.
  • Suchen Sie nach der beispielhaften Panne, der krisenhaften Begebenheit, die Sie kurz, plastisch und in drastischen Worten skizzieren.
  • Nutzen Sie das Thema nicht zur Abrechnung mit den Gegenspielern von damals oder gar zur Selbststilisierung als verfolgte Unschuld.
  • Funktionieren Sie Ihre Bilanz einer fehlgeschlagenen Bemühung weder zur Weihestunde Ihrer Charakterfestigkeit und Handlungsstärke noch zum Selbsttribunal um.
  • Pädagogisieren Sie sich nur in Maßen selbst. Sprechen Sie nicht aus, was Sie daraus gelernt haben. Geben Sie stattdessen an, was Sie seitdem anders und besser machen.

Bewerben ist aktive Vertrauensbildung. (OK, diesen Spruch kennen Sie schon – aber ich strenge mich auch an, damit ihn meine Leser internalisieren …) Man vertraut Ihnen mehr, wenn Sie auch Unangenehmes in verträglicher Dosierung anvertrauen. Sie geben einen kurzen Einblick in Ihr Leben und Denken. Machen Sie es spannend, vergnüglich und lehrreich. 


Ihr Bewerbungshelfer
Gerhard Winkler

 

 

Gerhard Winkler - unser Kolumnist

Gerhard Winkler ist seit 1997 Tippgeber, Karrierebegleiter und Bewerbungs- bzw. Vermarktungshelfer. Er schreibt auf jova-nova.com und u.a. für Spiegel Online.

„Ich schreibe für zaghafte Erstbewerber, unsichere Selbstvermarkter, knallharte Karrieresüchtige und karrieremäßig Herausgeforderte.“


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